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Stadtwerke und Versorger

Ab wann ist ein Stadtwerk überhaupt „digital“?

Ansprechpartner Uwe Jeschke

Uwe Jeschke, Bereichsleiter Industrie und Versorgungswirtschaft

... ist studierter Diplom-Physiker und blickt auf über 20 Jahre Berufserfahrung in der Industrie- und Versorgungswirtschaft zurück. Bei SoftProject baute er den Bereich Industrie und Versorgungswirtschaft aus und leitet diesen heute als Experte für die Automatisierung und Digitalisierung von Prozessen.

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Zu teuer, zu aufwändig, zu kompliziert – die Digitalisierung stellt Stadtwerke vor große Herausforderungen. Steigender Wettbewerbsdruck und neue Anforderungen zwingen sie jedoch dazu, sich mit dem Thema Digitalisierung auseinanderzusetzen. Gleichzeitig buhlen große Energiekonzerne mit attraktiven Angeboten um gut ausgebildete Fachkräfte wie IT-Experten, Big-Data-Spezialisten und Software-Entwickler, die für derartige Projekte benötigt werden. Wie können kleine und mittlere Stadtwerke den technischen Defiziten und personellen Engpässen entgegentreten? Wie können sie in diesen anspruchsvollen Zeiten bestehen? Ein gutes Beispiel ist unser Kunde, die Stadtwerke Ettlingen GmbH. Sie haben das Problem erkannt und ergriffen bereits vor einigen Jahren mit der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse die Initiative. Den Startschuss bildete der digitale Netzanschlussprozess.

Den Netzanschlussprozess zu digitalisieren, ist einer von mehreren Schritten, um interne Prozesse zu optimieren. Damit sollen die internen und externen Abläufe beschleunigt sowie der Kundenservice weiter optimiert werden. Genauso wie damals freuen wir uns heute mit den Stadtwerken Ettlingen zusammenzuarbeiten und mit ihnen die nächsten Schritte in Richtung digitale Zukunft zu gehen. Die Stadtwerke Ettlingen sind seit Jahren Vorreiter und gegenüber IT-Innovationen aufgeschlossen: Schon früh bauten sie ihre eigene entkoppelte IT-Infrastruktur auf, um sich gegen Hackerangriffe zu schützen.

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Prozesse sind erst dann wirklich digitalisiert, wenn Daten nicht nur elektronisch erfasst, sondern auch automatisiert bearbeitet werden.

Doch nicht alle Stadtwerke sind beim Thema Digitalisierung so weit und die digitalen Reifegrade klaffen stark auseinander. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage: Ab wann sind Stadtwerke überhaupt „digital“? Darüber gibt es geteilte Meinungen: Ist für die einen bereits ein Web-Formular, über das Interessenten ihre Daten für den Netzanschluss übermitteln können, ein digitaler Meilenstein, sind für andere die elektronisch eingegangenen Informationen erst die Grundlage für anschließende digitale Abläufe. Dazu zählen eine automatische Angebotserstellung, die interne Auftragsbearbeitung sowie die gesamte Koordination der Umsetzung mit möglichen Nachunternehmern. Unumstritten ist, dass ein Web-Formular im attraktiven Unternehmensdesign ein modernes Außenbild vermittelt und Papier spart. Soweit die Theorie. In der Praxis erfolgt die Weiterverarbeitung der eingegangenen Informationen oft nach wie vor manuell. Etwa indem ein Sachbearbeiter die elektronisch eingegangenen Daten aus dem Web-Formular per Hand in eine Datenbank oder das ERP-System überträgt, diese einscannt, ausdruckt und in Papierform an die für Strom, Gas und Wasser zuständigen Abteilungen weitergibt.

Entscheider, die zwar um den geringen digitalen Reifegrad in ihrer Organisation wissen und die Einsparpotenziale kennen, zögern dennoch, wenn es darum geht, Abläufe wie den Netzanschlussprozess zu digitalisieren. Eine branchenübergreifende Tendenz: Laut einer Bitkom-Studie will nur jedes fünfte Unternehmen (22 Prozent) in Deutschland im laufenden Jahr gezielt in die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle investieren. Die Gründe sind vielfältig. Sie reichen von fehlenden finanziellen Mitteln, Bedenken bei der technischen Sicherheit über einen unübersichtlichen Markt an Anbietern und Lösungen bis hin zur Scheu vor mächtigen IT-Themen wie Big Data oder Künstlicher Intelligenz. Bei Stadtwerken sind es zudem oftmals zu wenige Beantragungen für Netzanschlüsse, um die Investition in die Automatisierung des Prozesses zu rechtfertigen als auch fehlende Fachkräfte. Bei den Stadtwerken Ettlingen ist daher die Optimierung der Prozesslandschaft eine ständige Aufgabe und insbesondere vor dem Hintergrund der Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf die Mitarbeitergewinnung essenziell.